• Ben.

Menschen etwas zutrauen


Ich habe mir überlegt, ob ich zumuten oder zutrauen schreiben soll. Ohne den Wortstamm oder die genauen Hintergründe zu kennen, finde ich doch auch zumuten ganz interessant, wenn es um zutrauen geht.

Foto von Rakicevic Nenad von Pexels


Ich bin der Meinung, dass wir den Menschen grundsätzlich zu wenig zutrauen. Oder hat es vielleicht gar nicht mit zutrauen zu tun, sondern vielmehr damit, dass wir Macht- und Hierarchiestrukturen aufrechterhalten müssen oder zumindest um darin zu «überleben»? Es sind nicht nur die Menschen, die anderen nichts oder zu wenig zutrauen, sondern auch die Systeme, die nicht darauf ausgerichtet sind, dass sich Menschen als freie Wesen sehen, selbst und mit anderen zusammen wachsen und sich entfalten.

Wer muss sich nun also ändern? Die Systeme? Die Menschen in Machtpositionen? Die Mitarbeitenden? Vielleicht wir alle zusammen! Meine Sichtweise ist aber immer auf das Individuum ausgerichtet, da dieses immer und sofort den allerersten Schritt tun kann. In meinem Fall ICH. In deinem Fall DU.


In den letzten Tagen hatte ich verschiedene Telefongespräche mit Führungskräften, die ihren Mitarbeitenden etwas zutrau(t)en. Das tun sie nicht als Methode, nichts als New Work irgendwas, sondern aus ihrer natürlichen und tiefen Überzeugung. Sie waren frustriert, weil ihr zutrauen nicht genutzt oder falsch verstanden wurde. So haben die Menschen das Zutrauen und das damit verbundene Vertrauen nicht erkennen können, geschweige denn nutzen. Sie erlebten es eher als (negative) Zumutung oder übersahen in dieser Freiheit wichtige Dinge und verpassten es, die Verantwortung zu übernehmen. Es waren also frustrierte Führungskräfte, die innerhalb von starren und hierarchiegerpägten Systemen ihr Bestes zu gunsten der Mitarbeitenden geben.


Dranbleiben

Neben dem Zuhören ist es mir hier ganz wichtig, diese Menschen zu bestärken, dranzubleiben und nicht den einfacheren oder alltäglicheren Weg zu nehmen. In ihrem Frust wollen sie wieder klare Regeln, Grenzen und Vorgaben schaffen. Denn für sie heisst das Schaffen von Freiheiten immer Mehraufwand, Mut und ein Schlängeln durch das System. Ich schreibe übrigens von sehr erfahrenen Führungskräften und von ganz frischen. Was ich versuche, ist einzig und allein ihnen die verschiedenen Perspektiven zu erklären, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu haben.


Was ist das Problem?

Dabei lege ich ein besonderes Augenmerk auf «das Problem», dass in den seltensten Fällen mit der Demotivation, Faulheit oder Ähnlichem zu tun hat, sondern mit etwas, dass sich am besten mit «erlernter Hilflosigkeit» (Quelle leider vergessen) beschreiben lässt. Relativ früh im Leben lernen wir, dass wir uns an klare Regeln und Strukturen halten müssen, dass sich ganz persönliches Engagement selten lohnt und es vielmehr darauf ankommt, dann abzuliefern, wenn es gefragt wird. Ja, hier spreche ich auf das Schulsystem an, dass nicht das Ziel hat, aus Menschen freie und selbstbestimmte Wesen zu machen. Es ist der Stoff, der rein muss in den Menschen. Wenn der diesen gut wiedergibt, dann hats auch die Lehrperson gut gemacht. Wenn nicht, dann muss man halt die Fehler, die Schwächen ausbügeln. Aus der Perspektive der Lehrperson ist vielleicht das Kind schuld, vielleicht die Eltern. Aus der Sicht des Kindes oder der Familie ist das Problem vielleicht bei der Lehrperson oder man sieht sich dann selbst als «zu dumm». So wachsen wir also auf und finden uns irgendwann in der Arbeitswelt wieder, die sehr ähnlich funktioniert. Wir könnten wahrscheinlich die Worte Lehrperson mit Chef, Schule mit Arbeitsplatz, Kind mit Mitarbeiter*in etc. ersetzen. Wie immer scheint es hier, als ich alles schwarz sehe. Es ist aber eine Realität, die wir sehen, wenn wir uns erlauben, genau hinzusehen. Ja, es gibt Ausnahmen und ganz viele Grautöne. Wir müssen also zuerst (wieder) lernen, wie das mit der Freiheit, Eigenverantwortung und dem Zutrauen und Zumuten funktioniert.


Immer wieder neu

Gespräche wie diese am Telefon finden immer wieder in irgendeiner Form statt. Dabei geht es nie darum, diesen Führungspersonen zu erklären, was denn gute oder «moderne» und vor allem menschliche Führung ist. Sie müssen auch nicht wissen, wie sie morgen oder übermorgen handeln sollten. Das haben sie alles in sich. Es geht immer darum, sie wieder an den Grund ihres Tuns zu erinnern und sie zu ermutigen dranzubleiben.


Zumuten oder Zutrauen?

Das spielt eigentlich gar keine so grosse Rolle. Ich finde aber, dass wir den Menschen nicht nur Dinge zutrauen, sondern auch Zumuten dürfen. Es muss nicht immer schön sein und nicht immer einfach. Wichtig dabei ist, dass hinter dem Zumuten die Haltung des Zutrauens steht.

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